Die mäßigen Leistungen des ersten RB199-Testlaufs sorgten daher bei Schäffler und seinen Kollegen für lange Gesichter. „Die Wirkungsgraddefizite waren erheblich“, so der Triebwerksbauer. Während der Mitteldruckverdichter schnell auf einem „sehr ordentlichen“ Leistungsstand war, hatte der Hochdruckverdichter mit komplexen Problemen zu kämpfen. Unter anderem dehnten sich die relativ dicken, aus schweren Nickellegierungen gefertigten Rotorscheiben der hinteren Stufen bei schnell wechselnden Betriebszuständen wie Beschleunigung und Verzögerung wesentlich langsamer aus als das Gehäuse. Dadurch kam es über längere Zeitphasen zu großen Radialspalten. Die Folge: reduzierte Leistungsparameter des Hochdruckverdichters und eine unzulässige Absenkung der aerodynamischen Stabilitätsgrenze. „Bis wir eine Konstruktion gefunden hatten, die die Gehäuseausdehnung wirksam verlangsamte, verging viel Zeit“, sagt Schäffler. Immerhin erging es allen Triebwerksherstellern in der damaligen Phase so, sagt der Ingenieur. „Das Spalt-Problem war noch ziemlich unbekannt – wir mussten aushalten, dass es länger dauerte zu verstehen, wie man das löst.“
Durchgefallen beim Vogelschlagtest
Ebenso überraschend war die Erkenntnis, dass bei den Schaufeln aller hinteren Stufen des Hochdruckteils die Oberflächenrauigkeit deutlich zu groß war. „Das aerodynamische Potenzial konnte so nicht voll genutzt werden“, sagt Schäffler. Auch hier sollten Jahre vergehen, bis die zum Teil nur Daumennagel-großen Schaufeln in einer Qualität hergestellt werden konnten, dass die Leistung stimmte. Schäffler erinnert sich auch noch gut an das nötige Schaufel-Redesign nach dem ersten Vogelschlagtest: „Der Vogel passierte den Nieder- und Mitteldruckverdichter, ohne wesentliche Schäden anzurichten – und räumte den Hochdruckverdichter komplett ab.“ Im Vergleich zu den anderen Baustellen im RB199 sei diese aber einfach zu beheben gewesen: „Wir haben die Schaufeln des ersten Rotors des Hochdruckverdichters einfach in Sehnenausdehnung rund 30 Prozent länger gemacht. Die verstärkte Schaufel hat den Schlag ausgehalten, ebenso wie die nachfolgenden Stufen“, sagt Schäffler. Schritt für Schritt erarbeitete sich die MTU so in allen Bereichen wertvolles Wissen.