AEROREPORT: Herr Dr. Plötner, was ist Urban Air Mobility?
Kay Plötner: Urban Air Mobility ist ein Transportsystem, das Passagiere, Fracht und Dienstleistungen in und zwischen Städten befördert. In diesem Konzept spielen neben kleineren Drohnen auch Lufttaxis, insbesondere eVTOL-Fluggeräte, eine zentrale Rolle. Dank neuer Technologien wie elektrische Antriebe und verbesserte Batteriekapazitäten können dabei Senkrechtstarter-Systeme eingesetzt werden. Diese Fluggeräte erfüllen ähnliche Funktionen wie Hubschrauber, sind aber leiser und kostengünstiger zu betreiben.
AEROREPORT: Das Bauhaus Luftfahrt sieht in Urban Air Mobility keinen Ersatz für herkömmliche Verkehrsmittel, sondern eine Ergänzung. Sie kommen zu dem Schluss, dass Lufttaxis kein Game Changer für die städtische Mobilität sein werden. Warum nicht?
Plötner: Der potenzielle Zeitvorteil von Urban Air Mobility ist im Vergleich zum Autofahren nur in stark überlasteten Gebieten gegeben, wenn die Anfahrten und Zugänge zu den Vertiports kurz sind. Vertiports sind spezielle Start- und Landeplätze für eVTOL-Fluggeräte, die eine erhebliche Bodeninfrastruktur erfordern und erst noch geplant, finanziert und aufgebaut werden müssen. Um einen Durchsatz von etwa 100 Passagieren pro Stunde zu erreichen, ist ein Vertiport in der Größe eines Fußballfeldes erforderlich. Die Anzahl und Größe der Vertiports werden jedoch durch Platzmangel – der Raum in den Städten ist knapp und wertvoll – sowie Lärmschutz und Sicherheitsanforderungen stark begrenzt.
AEROREPORT: Könnten Lufttaxis den Verkehr auf den Straßen spürbar entlasten?
Plötner: Es ist unwahrscheinlich, dass die Lufttaxis das Stauproblem in den Städten lösen werden, da nur eine ausgewählte Gruppe von Menschen sich regelmäßige Flüge mit einem Flugtaxi wird leisten können. eVTOL-Fluggeräte sind auf kleine Nutzlasten beschränkt, typischerweise gibt es vier bis sechs Sitzplätze. Die zu erwartenden hohen Transportkosten muss sich eine geringe Anzahl von Passagieren teilen. Die meisten UAM-Studien schätzen, dass die Flugtaxis langfristig einen Marktanteil von 1 Prozent erreichen werden – vor allem wegen der hohen Investitionskosten für Fluggeräte und Infrastruktur sowie für das Personal. Die ersten Anwendungen werden voraussichtlich noch nicht autonom, sondern mit Pilot:innen fliegen. Infolge des geringen Marktanteils wird Urban Air Mobility daher keinen nennenswerten positiven Effekt bei der Reduzierung von Staus haben.