Dabei entstehen mit Hilfe von sechs im Stift angebrachten nacheinander aufleuchtenden LEDs innerhalb weniger Sekunden sechs unterschiedlich belichtete Einzelbilder aus unterschiedlichen Perspektiven. Ein Algorithmus rechnet sämtliche Farben und Transparenzen sowie Reflektionen und Blendungen heraus und schafft so ein dreidimensionales Abbild der Struktur. Diese, auf die reine Form reduzierte Ansicht bietet nämlich deutlich bessere Einblicke als ein herkömmliches Mikroskop. Zudem lässt sich das Bild mit überschaubarer grafischer Rechenleistung drehen, kippen und aus allen Perspektiven begutachten. Die so gewonnenen Daten können in standardisierter Form in anderen Software-Programmen weiterverarbeitet werden.
Auf Wunsch kann auch ein bestimmtes Soll-Oberflächenniveau definiert werden, um eine Abweichung oder Beule messtechnisch akkurat zu erfassen. „Bei einem Kratzer vermisst das System etwa die höchste und tiefste Stelle in einem definierten Bereich“, erklärt Julian Mandel, der ebenfalls die Einführung des GelSight-Systems bei der MTU vorangetrieben hat. Die Genauigkeit der Vermessung liegt dabei im einstelligen Mikrometerbereich und bewegt sich zwischen gerade einmal vier (axial) und acht Mikrometern (lateral). „Das ist ungefähr die Dicke eines menschlichen Haars, was für unsere Anforderungen vollkommen ausreichend ist“, beschreibt Mandel die Größenordnung.
Extra-Kalibrierprozedur implementiert
Eine besondere Herausforderung war die messtechnische Zulassung des Systems bei der MTU. Um die strengen Anforderungen der Triebwerksfertigung zu erfüllen, musste das Messgerät einen umfangreichen Zertifizierungsprozess nach strengen internationalen Vorgaben der Produktionspartner durchlaufen. „Entscheidend ist, dass GelSight zuverlässig und reproduzierbar stets dieselben Messergebnisse produziert“, erklärt Stefan Necker, Experte für Geometrische Messtechnik. „Das Messteam hat hier in Kooperation mit der Kalibrierabteilung der MTU eine adäquate Lösung gefunden. Eine besondere Herausforderung für den Geräte-Hersteller, das US-amerikanische Start-up-Unternehmen GelSight, war die Integration einer Kalibrierprozedur – eine Grundvoraussetzung für Messsysteme in der Triebwerkswelt.“