Als Hellseher arbeitet Claus Bullenkamp nicht, sondern als Senior Manager Engine Programs bei der MTU Maintenance Hannover. Beides hat aber mehr miteinander zu tun, als auf den ersten Blick ersichtlich ist. Glaskugeln gehören jedoch nicht zu Bullenkamps Arbeitsausstattung. Stattdessen Software, um aus Datensätzen, künstlicher Intelligenz und Heuristiken die Berechnung von Szenarien und den Wahrscheinlichkeiten dahinter zu ermöglichen.
Denn um sie dreht sich bei den komplexen Angebotskalkulationen im MRO-Geschäft so gut wie alles. Und alles steht und fällt mit den Wahrscheinlichkeiten, zu denen diese Szenarien in einem Triebwerksleben eintreten. „Der Ersatzteilmarkt schwankt enorm – und damit auch die Verfügbarkeit und Preise von für die Instandhaltung unverzichtbaren Komponenten und Materialien“, erklärt Bullenkamp. Könnte es womöglich sinnvoller sein, ein Triebwerk anstatt nach zehn bereits nach acht Jahren in die Generalüberholung zu schicken? Gut möglich, dass die Rechnung aufgeht. Zum Beispiel: „Wenn bestimmte Materialkosten, die wiederum einen beachtlichen Teil der Instandhaltungskosten ausmachen, innerhalb der nächsten zwei Jahre mit einer hohen Wahrscheinlichkeit massiv ansteigen.“
Die Kalkulation lässt sich auch in die andere Richtung aufstellen. Wenn beispielsweise absehbar würde, dass aufgrund eines Flottenwechsels einer großen Airline bald zahlreiche Triebwerke eines bestimmten Typs auf den Markt kommen. „Dann könnte man vorhandene Restlebensdauer mit vertretbarem Risiko ohne viel Puffer bis zum Ende ausnutzen – und wäre wohl kostengünstiger unterwegs.“ Und für den unwahrscheinlichen Fall, dass doch alles anders kommt? „Dann wären wir über die MTU Maintenance Lease Services, einem Joint Venture mit der japanischen Sumitomo Corporation, in der Lage, dem Kunden unkompliziert ein Ersatztriebwerk zur Verfügung zu stellen.“